Copyright © Juli 2002 by Friedhelm Schulz

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Lichter im Herbst

von Friedhelm Schulz

 Jede ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen personen sind reinzufällig. Die handlungen sind frei erfunden

 

"Lichter im Herbst

Im Herbst verfärbt sich das Laub der Bäume und der Sträucher . Der Wein Erhält seine letzte Reife und mit ihm die Soldaten ein Fieber das sie in die Natur lockt . Die Letzten schönen Tage mit Weitsicht nutzen Tiefflieger aus , donnern über Weiden , Dörfer , den Wäldern die ruhe für lange dunkle Tage sucht , durchbrechen mit erschreckendem Gebrüll die Schallmauer . Die Fensterscheiben klirren , der Mensch zuckt ängstlich zusammen . Kinder suchen den Himmel ab , bestimmen den Flugzeugtyp , schreien aufgeregt es sei eine Phantom . Die Starfigther sind auf einen anderen Horst . Es gibt viel zu sehen , für Kinder , im Herbst .
Auch färbt der Herbst die Gesichter vieler neuer Arbeitsloser . Blaß färbt er sie , ein wenig erfroren , müde mit Verbitterung gemalt .
Wie Vieh drängeln sie sich auf langen Korridoren , eine Einladungskarte in der Hand . Niemand murrt , alles schweigt beschämt , bald besinnlich wie bei einem Kirchgang . Es ist Herbst . Er ist ein feiner Maler . All Jene , mit oder ohne Einladungskarte werden genauso gehen wie sie kamen . Mit leeren Händen .
Unbedeutend die kleine Zahl derer die eine Anstellung in Aussicht haben . Die Auswahl unter Ihresgleichen ist groß . Erdrückend groß . Bald wird es Weihnachten , dann werden viele gedemütigten Väter betrunken unter den Christbäumen liegen . Die Frauenhäuser werden aus allen Nähten Platzen wegen geschundener Frauen und deren Kinder . Ein zerstörtes Bild des Wohlstandes spiegeln die Wohnzimmer wider . Im Chaos der eigenen vier Wände wird jeder Axthieb auf das mühsam abgesparte Möbelstück noch im ausholen das ewige Lied von mehr Umsatz singen . Wehe , weil es so viele sind .
Manch einer lehnt mit schweren Gedanken am Geländer der Mainbrücke , verfolgt mit Wehmut das Treibgut , das leicht und unbeschwert vom trüben Wasser umspielt dem Turbienenrost der nahen Staustufe entgegeneilt . Da will er auch so sein , sich erhöhen , eine Schlagzeile werden : Leichnam geländet ! Einer weniger , es geht aufwärts , die Arbeitslosigkeit nimmt ab .
Wer wird fragen , um ihn weinen ? Die Freunde , die Verwandten und alle die ihn von damals her kannten ?
Nein , der Herbst .
In der Fußgängerzone sitzen nah bei nah gefallene Existenzen , halten frierend ihren Hut auf . Mit einem Bittschild um den Hals erinnern sie an Bildern finsterster Tage , an Menschen die fein säuberlich an einem Baum erhängt , noch im Tod erniedrigt durch ein Schild an die Brust geheftet auf dem zu lesen stand : Ich bin ein Verräter ! Noch werden sie geduldet von Vorbeieilenden . Niemand kann von sich sagen ob nicht er bald bei jenen sitzen wird , spendet bei Gelegenheit eine Mark als könnte das Unglück von sich abwende .
In den Irrenhäusern der Stadt träumen Träumer ihren der Offenbarung . Tage gibt es wie eine offene Tür ins Dunkel . Ein Trost . Jeder darf einmal im Monat seine alte Maschine besuchen kommen . Seinen Arbeitsplatz. Der alte Meister steht daneben . Tröstend und gleichsam ermutigend klopft er dem Arbeiter auf die Schulter und sagt das es schon werden wird . Es wird schon werden ! Und die Hand des Arbeiters streift über die Maschine , nimmt den Geruch von Maschinenöl an , und ein tiefer Seufzer löst sich aus seiner Brust das dem Meister die Tränen in die Augen schießen . Im Hintergrund postiert sich der Firmenchor , schmettert ein Lied : Es wird schon werden , werden wird es schon . Laut schlagen die Türen der Träumer zu , fanden nicht den Weg in den Main
Vor den Fabriktoren sammelt sich Volk , ein Geistlicher erhebt sich aus ihrer Mitte und fleht zu Gott er solle doch Arbeit geben . Und sie beten : Erbarme dich Gott , Gott erbarme dich doch , wir brauchen Arbeit um zu leben . Gleich darauf gesungen mit aller Inbrunst ; Mach hoch die Tür die Tor mach weit . Und alle Konzernherren und Fabrikbesitzer drehen sich vor lachen im Grab herum . Die Toten wissen daß Abel den
Pflug von Kain geführt zog . Kain entdeckte das Zugtier Ochse und mußte notgedrungen seinen Bruder erschlagen weil gemeinhin galt ; wer nicht arbeitet soll auch nicht essen . Die Türen schlagen laut zu - im Herbst .
Im grünen ergehen sich viele Ruhelose , begehen manche Wege , halten Ausschau nach Winkel in der Natur wo sie sich in Kindertagen verbargen . Kein Strauch ist verblieben , kein Dickicht mit Verstecken lädt zum spielen ein . Die Feldwege sind breitgeschlagen , bedeckt mit Asphalt , aufgeräumt sind auch liebliche Waldwege , schotterglatt gestampft. Das ist ein Müßiggang ! Die Pupillen weiten sich erstaunt . Felder bis
über den Horizont und weiter sind glattgefegt . Kein Baum , kein Rain . Glatt planiertes Grauen beschaut den Betrachter - Funktion . Nur weg , weg in Eile , sich an den armen setüzten , aus dem Fenster schauen .
Warten , hoffen , Geduld üben wie die Alten die den Tod er warten .
Grau sind die Straßen in de Siedlung . In  Reihen wie Baracken die Eigenheime ,die Zimmmerwände , dieGärten , die Menschen der gleiche zuschnitt von der Stange . Nur vereinzelt regt sich leben . Das ist ein Ausblick . Frauen mit Taschen und Plastiktüten ziehen in den Supermarkt . Leichten Schrittes gehen sie hin ,schwer beladen kehren sie heim . Ihre Oberkörper beugen sie im Gleichtakt ihrer wiegenden Schritte als Gegengewicht der Last . Mechanisch pendelt der leicht ins leerre wie eine hilflose schwimmbewegung eines Ertrinkenden. Das wenige Geld ist weggetragen . Und die Sorgen ? Wer trägt all ihre Sorgen fort ? Manch einer verspürt Lust die Rollos am Tage herunterzulassen , einfach die Gardinen zuziehen , sich verdunkeln ,sich schlafen zu legen ,möchte sich wegträumen im Suff in eine andere Welt , eine andere Zukunft , die tief versteckt im Hinterkopf von der Jugendzeit ausharrt , sich trügerisch ausmalt in rosablassen Farben , jeden Wunsch nach Anerkennung der Person mit Bonbonpapier zudeckt wie ein Leichentuch . Keine Energie wohnt in Muskeln , kein Widerstand im Bewußtsein . Im Todeskampf wälzt sich die Persönlichkeit , stirbt qualvoll , ist zu einer unbedeutenden Nummer geworden .

Das ist ein Herbst der sich überschwenglich austobt im buntem Geben . Wer wird der nächste sein ? Wer geht vor dem anderen in den vorgezogenen Ruhestand , in die stille der Wohnzimmer ?Ellenbogen spitzen sich. Speichellecker nutzen die Gunst der Stunde . Jeder will der tadelloseste Meisterschleimer sein . Fehlerlose  Arbeitsbesitzer brauchen keinen Gott , keine Freundschaften , sie stehen aber dennoch unter dem Kreuz vereint vor den Fabriktoren wenn es auch ihnen an den Kragen geht . Sie schleudern Gebete gen Himmel , wünschen , erflehen dem Betrieb Gesundung , der Wirtschaft . Der
Aufschwung muß kommen auf Teufel komm raus ,jetzt und hier und nur für mich .
Das ist ein Sumpf . Gesichter zeigen ihr wahres Antlitz . Kalt lächelnd stehen Kollegen bis an die Unterlippe in dieser Jauche , beruhigt durch die Gewißheit auf einen anderen Kollegen stehen zu dürfen . Benommen leckt der Untergetrtenen seine Lippen . Er schmeckt , kostet noch einmal , widert sich an . Er schmeckt sich und seines gleichen . Tapfer sind die unterlegenen . Es ist ein großes Spiel . Es darf neu gewürfelt werden .
Wie läufige Hündinnen die Politiker . Jedem und allem strecken sie ihre geile Schnalle hin der sie nur ein wenig begehrlich findet . Wütend verbeißen sie den Betrogenen nach erfolgter Ejakulation . Ihre Versprechungen wollen sie nicht halten , konnten sie noch niemals . Nur nach einem Wort gieren sie , dem Jawort , dem Kreuz des Verlierers . In Ungleiche Lager aufgeteilt - große , kleine , unbedeutende , bedeutende , wichtige - die verprellten Liebhaber .Die randvoll mit Liebesbeweise gefüllten Urnen werden auf den Tisch der Wahrhaftigkeit ausgeschüttet . Urnen voller Ja- und Neinworte , Asche ,erloschene Gunst .
Kinder stehen auf gegen ihre Väter weil sie eine andere Politik lieben , die sich tadelloser zeigt , gerissener nach Kreuze giert . Krieg bricht in den heimeligen Wohnzimmern aus . Die Axt wird geschwungen , schlägt brutal auf alles widerspenstige das sich zeigt ein . Wütende rotgesichtige Väter verstoßen ihre „“ Brut „“, die Urkraft ihrer Lenden , wünschen sich kastriert . Das ist eine Stimmung . Richtig herbstlich .
Auf den Winterweiden drängen sich dicht an dicht ängstliche Schafe . Das Volk . Die Wölfe gehen um .
Heiser bellen die politischen Hütehunde , versuchen den ängstlichen mutig zu stimmen . Ein vergebliches Unterfangen in Anbetracht der Wölfe die zähnefletschend das Gatter umstreifen , an ihm rütteln , spielend leicht Latten ausreißen kann aus dieser argwöhnisch sicheren Festung . Genüßlich weiden sie sich lieber an dem ängstlichen blöken .Durch das Land und über die Mainbrücke hinweg rollen Militärkonvois . Transportfahrzeuge  mit Munition beladen , andere beladen mit Menschen die sie verschießen darf . Gepanzerte Fahrzeuge aller Art rasseln über die Brücke . Leichte Panzer , schwere Panzer , Selbstfahrlafetten , Haubitzen . Umschwärmt von motorisierter Militärpolizei der Transport einer schlanken Atomrakete .
Ob sie auch wirklich fliegen kann ? Niemand weiß es , fürchtet sich , denn es ist Herbst - die Zeit vieler Manöver .
Angst schnürt das Gehirn ein , scharf , mit einer Kälte die sie unwirklich empfinden läßt. Und ein Aufatmen geht um , ein Stück Erleichterung darüber , daß es den politischen Gegner ebenso ergeht . Welch ein Segen !
Angst , Bedrohung , um die Möglichkeit zu wissen den gesamten Erball zu verbrennen wirkt beruhigend .
Die Monopolisten bejubeln ihre Umsatzraten , die Militärs den Zuwachs an Megatonnen, an Bedrohungspotential , an Sicherheit , Friedenssicherung , die Politik ihre FRIEDENSGARANTIE . Füllen sich aber die Straßen Mit Menschen die einen anderen Frieden wollen bringen die den Frieden in Gefahr .
Den Inneren Frieden . Hoch lebe das Schweigen der Masse , hoch die Stille eines  vollen Gotteshauses in dem das Schweigen nach dem Tode  eingeübt wird . Leben ist ein achtenswertes Geschenk , jawohl - doch das Himmelreich steht jedem offen wenn er nur willig ist , im Herbst .
In den Seitengassen der Stadt versteckt atmen die Obdachlosen im Rinnstein Alkohol und ihr Leben aus . Aus offenen Fenstern dringt fröhliche Radiomusik und dich gedrängt auf dem Boulevard schlendern Kaufgierige über Hundescheiße zum Schlußverkauf . Uniformierte vertreiben saufende Grüppchen aus den Grünanlagen die sich mit Wein und Bier den grauen Tag versüßen . Ein sauberer Park verlangt nach sauberen Menschen , das satte grün schreit nach satten Menschen und auch die Sonne kommt nur dann richtig zur Geltung wenn ihr Licht auf saubere , reine , anständige Kleidung scheinen darf . Der Ballast der Gesellschaft verschwindet im Hinterzimmer , die Creme sucht ihren alten angest ammten Platz auf der Promenade . Und dringt ein lautes Singen von Freiheit und Gerechtigkeit alter Lieder , die neu erblühen im grau , aus vollen
Hinterzimmern hinaus auf die Promenade , stellt ein gezielter hieb , mit Verachtung und Ekel ausgeführt , machtvoll die erstrebte ruhe wieder her . Hallen aber schwere Stiefelschritte In schwarzbraun gekleideter  durch die Straßen , die frohgelaunt lange verdrängte Lieder bitterster Vergangenheit hinausbrüllen , legt sich nur ein dümmliches Lächeln um den Mund der Obrigkeit , der Gerechtigkeit . Braun färbt der Herbst die
Blätter aller Bäume , in mannigfachen Tönen .In Augenblicke allergrößter Verzweiflung über ihre finanziellen Notlage , legen Männer Hand an,an Frau und Kinder , binden sich stumm einen Strick um den Hals der sie eilig von dem Beschämen erlöst ein nutzloser Versager
zu sein . Stumme Aufschreie in sich Zerrissener Menschen , die in den Schlagzeilen der Presse untergehen . Welch Aggression .
Voller Verachtung blicken die Jungen auf die Alten herab , auf deren Welt in die sie entlassen werden sollen , in der sie sich bewähren müssen , den Beweis erbringen sollen einer guten Generation anzugehören auf die jeder stolz sein kann .
Aber es ist eine verlorene Welt , eine Welt für die sie nur Steine übrig haben . Eine Umwelt kann nicht heuchlerisch umarmt werden in der Hoffnung , daß sie sich bessert . Eine alte Generation , die nicht im stande ist die nach ihr Kommenden freundlich und aufgeschlossen ihre Ideen würdigt , wird vergeblich um Anerkennung buhlen . Nur ein dummer wird sich in eine Sackgasse locken lassen dessen Ende er vor Augen sieht .
Durch die Straßen treiben die Kinder des Wohlstandes wie Müll , legen von dem Zeugnis ab was niemand  betrachten will . Die Fassaden glänzen und ratlos vor ihnen mit glasigen Augen die Jungen , die ihre Fäuste ballen , an ihrem Zorn ersticken , ein erfrieren im Kopf verspüren , weil sie zu nutzlosen Betrachter verurteilt werden . Haltlos treiben sie  in ihrer eigenen Welt , basteln an ihr , brechen mit ihr , schlagen blind um sich , reagieren sich ab bis sie sich hilflos geworden treiben lassen von der Agonie die sie umgibt , lassen sich von ihr auffangen wie in einem Federbett das den schwächsten all seine Träume zu erfüllen vermag .
Geistig verhungert in der Warteschlage im Arbeitsamt , ertrunken im gierigen Strom von Alkohol , ausgeträumt im Bett von Heroin , spukt die Gesellschaft sie wie Erbrochenes aus . Kein Lichtblick will sich zeigen , nicht ein ersehnter Hoffnungsschimmer der vielleicht den letzten geduldig wartenden vor dem Absturz ins Nichts bewahren könnte . Und nackt schauen die Äste der Bäume in den Himmel  , erwarten  den Winter und hoffen , daß er sie nicht erfrieren läßt .

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